Eine Seite aus dem "Chindamani"

Thai-Student aus Hamburg erforscht einige der ältesten Lehrbücher der Thai-Sprache

Ein moderner Nachdruck des Chabap Mo Bradley von 1879.

Ein moderner Nachdruck des Chabap Mo Bradley von 1879.

hmh. Bangkok. Nicht weniger als 114 unterschiedlliche Abschriften des sogenannten Chindamani, des ältesten Lehrbuchs der Thai-Sprache, befinden sich in der Nationalbibliothek. Die meisten sind gut erforscht, beruhen sie doch fast alle auf derselben Quelle. Einige davon gelten allerdings als „seltsam“ und lagerten deshalb seit mindestens hundert Jahren unbeachtet in den Archiven. พีระ พนารัตน์ Phira Phanarat („Peera Panarut“), ein Student der Universität Hamburg hat nun diese „seltsamen“ Dokumente erstmals untersucht und kam zu erstaunlichen Ergebnissen.

Eine ausführliche Rezension und Vorstellung seiner preisgekrönten Arbeit steht hier: Chindamani „Gedankenjuwel“

 จินดามณี, Chindamani, kann man in etwa als „kostbare Gedanken“ oder “Gedankenjuwel” übertragen. (In seiner Hamburger Arbeit schreibt der Autor „Cindamani“, während er das Wort in seinen sonstigen Arbeiten stets nach den Regeln korrekt überträgt.) Hier der Hintergrund zum „Gedankenjuwel“:

Das älteste Chindamani soll ein Mönch aus Sukhothai um 1670 im Auftrag von König Narai geschrieben haben. Das Original ist nicht erhalten, aber es wurde immer wieder kopiert. In aller Welt gibt es Abschriften und neuere Drucke davon, mindestens fünf auch in Deutschland. Chindamani, das „Gedankenjuwel“ ist jedoch weit mehr als ein Lehrbuch, es  gilt selbst als wesentlicher Bestandteil der Thai-Literatur.

Aus der Rezension der Hamburger Magisterarbeit von Phira Phanarat:

Die erste Druckversion erschien um 1870 in Bangkok. Im Jahre 1879 stellte Dan Beach Bradley eine Version zusammen, die noch heute als จินดามณี ฉบับหมอบรัดเล chindamani chabap mo bratle („Doktor Bradley’s Chindamani-Heft“) in Thailand bekannt und in zahlreichen Nachdrucken weit verbreitet ist, zumal sie sich auch zur Unterrichtung von Ausländern eignet, die Thai lernen wollen. ธนิต อยู่โพธิ์ Thanit Yupho, ein Beamter der Abteilung für Schöne Künste des Bildungs- und Erziehungsministeriums, edierte 1942 die noch heute in Thailand gebräuchlichste und am meisten zitierte Version. Sie stimmt allerdings – wie auch alle anderen oben erwähnten – mit keiner der Abschriften in der Nationalbibliothek genau überein, wie Phira Phanarat schon nach seinen ersten Sichtungen und Untersuchungen in Bangkok feststellte. Eine ebenfalls vielgenutzte neuere Version stammt aus dem Jahre 1961 und wurde von ฉันทิชย์ กระแสสินธุ์ Chanthit Krasaesin ediert.

114 unterschiedlliche Abschriften, davon 109, die der Version folgen, die dem erwähnten Mönch aus Sukhothai unter König Narai zugeschrieben wird, finden sich alleine in der Nationalbibliothek in Bangkok. Besonders interessant fand Phira bei seinen Untersuchungen jedoch die übrigen fünf. Eine dieser fünf Abschriften enthält einen Text, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Regierungszeit von König Borommakot entstanden sein soll. Die Regierungszeit des „gerechten Königs“ (das war die wörtliche Bedeutung des Herrschernamens dieses eigentlich ziemlich unsympathisch erscheinenden Herrschers, der „grausam gegen Tier und Mensch“ gewesen sein soll) gilt als das „Goldene Zeitalter Ayutthayas“.

Phira beschäftigte sich allerdings nur am Rande mit diesem zuletzt genannten Einzelstück, intensiv dagegen mit den vier restlichen in der Nationalbibliothek bewahrten Abschriften. Die sind nämlich offiziell als จินดามณี ฉบับความแปลก chindamani chabap khwam plaek, etwa: Chindamani, seltsame Version, katalogisiert, englisch: Odd Content-Version. Und diese Version war bisher noch nie gründlich untersucht worden. Das weckte die Aufmerksamkeit des jungen Forschers, zur Freude seines Professors, wie dieser im Vorwort zu der jetzt gedruckt vorliegenden Arbeit schrieb:

[…] da diese Version drei Abschnitte enthält, die in keiner der anderen vier Versionen vorkommen. Mindestens die Hälfte des Inhalts kann als einzigartig bezeichnet werden. Insbesondere die Abschnitte, die sich auf die Khom-Schrift und die Orthographie beziehen, sowie das Lexikon der Synonyme und der traditionellen Längenmaße erscheinen in keiner der anderen Versionen.

Phira vermutet nach seiner sprach- und literaturwissenschaftlichen Untersuchung der vier erhaltenen „seltsamen“ Abschriften, als Entstehungszeit das späte neunzehnte oder frühe zwanzigste Jahrhundert. Diese als „seltsame Version“ bisher geradezu verunglimpften Abschriften mit ihren nirgendwo sonst überlieferten Details und Erklärungen zur Thai Schrift- und Sprachgeschichte, sollte seiner Meinung nach eingehend untersucht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Professor Volker Grabowsky kommentiert Phiras kritische zusammenfassende und vergleichende Übersetzung dieses schwierigen Textes:

Es ist eine bedeutende Errungenschaft auf dem Gebiet der thailändischen Philologie sowie der thailändischen Manuskriptstudien, einem noch immer unterentwickelten Forschungsgebiet. Die vorliegende Studie schließt eine bestehende Wissenslücke und wird hoffentlich weitere Forschungen zur Übertragung thailändischer literarischer Werke anregen.

Peera Panarut: Cindamani. The Odd Content Version. A Critical Edition. (Hamburger Thaiistik Studien Segnitz: Zenos Verlag 2018, ISBN 978-3-931018-41-2, 24,80 Euro.

Chindamani. Phira Phanarats preisgekrönteMagisterarbeit als Buch.

Das Buch ist der Schriftenreihe „Hamburger Thaiistik Studien“ erschienen. Die Arbeit ist auf Englisch verfaßt (ein weiteres Zeichen für den unaufhaltsamen Weg des Deutschen auch an deutschen Universitäten in die Bedeutungslosigkeit) und wendet sich selbstverständlich vor allem an ausgewiesene Fachleute. Aber auch normale Thai-Kundige, die sich für die Grundlagen dieser Sprache interessieren, werden es mit Gewinn in die Hand nehmen, und nach der Lektüre erheblich mehr wissen als zuvor.

Bestellungen sind direkt an den Verlag möglich, zum Beispiel per Email: 2[ät]zenos-verlag.de. Die Lieferung erfolgt innerhalb Deutschlands portofrei; Lieferung ins Ausland einschließlich Thailand gegen Berechnung der Porto-Mehrkosten.

Peera Panarut: Cindamani. The Odd Content Version. A Critical Edition. (Hamburger Thaiistik Studien ISSN 2569-2879). Segnitz: Zenos Verlag 2018, broschiert, 187 Seiten, 29,2 x 21 cm, 570 g, ISBN 978-3-931018-41-2, 24,80 Euro.

Vollständige Rezension: http://www.phakinee.com/chindamani-odd-content-version/