BANGKOK. Chinesische Touristen verlagern ihren Fokus von traditionellen Strandurlauben hin zum Eintauchen in die Kultur. Aktivitäten wie das Ausleihen traditioneller thailändischer Kleider für Fotoshootings sind mittlerweile beliebter als Inselbesuche.
Das Konsumverhalten kommt der lokalen Wirtschaft zugute, da beliebte Souvenirs wie „Elefantenhosen“ und Naturkosmetik hauptsächlich von kleinen, lokalen Kunsthandwerkern hergestellt werden.
Eine große Mehrheit der chinesischen Besucher (93%) äußert großes Interesse an der Erkundung der weniger bekannten „Sekundärstädte“ Thailands, was auf eine Abkehr von den touristischen Zentren hindeutet.
Um diesen Trend zu nutzen, muss Thailand die Infrastruktur, wie z. B. die Verkehrsanbindung und die Sicherheitsmaßnahmen, in diesen Sekundärstädten verbessern, um das Interesse der Touristen in tatsächliche Besuche umzuwandeln.
Chinesische Besucher tauschen Sonnenliegen gegen Seidenkleider und Souvenirs – und ihr sich wandelnder Geschmack könnte Thailands vergessene Sekundärstädte wiederbeleben.
An einem Dienstagmorgen wartet in einem historischen Haus in Bangkoks Altstadt eine Schlange junger Chinesinnen in aufwendiger thailändischer Tracht geduldig darauf, dass ein Fotograf die perfekte Aufnahme komponiert.
Sie sind nicht gekommen, um einen Tempel zu besichtigen. Sie haben keinen Strandurlaub gebucht. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes gekommen, um Thailand zu erleben – und darüber zu berichten.
Dieses Bild, das sich im ganzen Land von den Nachtbasaren Chiang Mais bis zu den Seidendörfern im Nordosten wiederholt, verkörpert einen Wandel, der Thailands wichtigsten Quellmarkt neu gestaltet.
Der chinesische Tourist von 2026 ist nicht mehr der Besucher von vor zehn Jahren. Der neue Archetyp ist jünger, anspruchsvoller, weniger daran interessiert, Sehenswürdigkeiten abzuhaken, und zunehmend an kulturellem Eintauchen, authentischen Erlebnissen und dem, was Tourismusforscher heute als „erlebnisorientiertes“ Reisen bezeichnen, interessiert.
Jenseits der Strände: Wie China den thailändischen Tourismus neu gestaltet
Das Kleid, das den Strand in den Schatten stellte
Die Zahlen bestätigen diesen Wandel eindeutig. Das Ausleihen traditioneller thailändischer Kleidung für Fotoshootings hat sich zur beliebtesten Aktivität unter chinesischen Besuchern entwickelt; 64 Prozent der Befragten gaben dies in der Tourismusvertrauensumfrage für das erste Quartal 2026 an – deutlich vor dem Besuch von Inseln oder Stränden, der nur 43 Prozent der Befragten ansprach.
In einem Land, das seit Generationen seine Küstenlinie als wichtigste Visitenkarte vermarktet, ist diese Umkehrung bemerkenswert.
Die Bedeutung dieses Trends im Bereich der Soft Power ist kaum zu überschätzen. Thailands kulturelle Exportgüter – klassische Tanzkostüme, Kunsthandwerk, die Bildsprache des königlichen Erbes des Königreichs – erfüllen eine Funktion, die kein Marketingbudget vollständig ersetzen könnte.
Chinesische Besucher konsumieren nicht einfach nur eine Dienstleistung; sie gestalten Inhalte mit und erzeugen Millionen von Social-Media-Impressionen, die die nächste Welle von Ankünften ankurbeln.
Das Ausleihen traditioneller thailändischer Kleidung für Fotoshootings wurde von 64 Prozent der chinesischen Besucher genannt – deutlich vor den Stränden mit 43 Prozent. Das Selfie ist demnach das neue Souvenir.
Die Elefantenhosen-Ökonomie
Wenn traditionelle Kleidung das Erlebnis ist, dann sind Elefantenhosen das Souvenir. Die locker sitzenden, farbenfroh gemusterten Hosen – von thailändischen Stadtbewohnern lange als Touristenklischee abgetan – haben sich bei chinesischen Besuchern zum begehrtesten Souvenir entwickelt: 64 Prozent nannten sie als ihren absoluten Kauftipp.
An zweiter Stelle stehen pflanzliche Kosmetikprodukte, eine weitere typisch thailändische Produktkategorie, die auf lokalem Pflanzenwissen basiert.
Die Bedeutung reicht über die Verkaufszahlen hinaus. Beide Produkte haben etwas gemeinsam: Sie werden überwiegend von kleinen thailändischen Kunsthandwerkern, Gemeinschaftsunternehmen und Heimwerkstätten hergestellt und nicht von multinationalen Ketten.
Die Ausgaben chinesischer Reisender für Souvenirs fließen bevorzugt in die lokale Wirtschaft – eine Tatsache mit erheblichen Auswirkungen auf die ländliche Entwicklungspolitik und die weiterreichenden Bestrebungen der Regierung, die wirtschaftlichen Vorteile des Tourismus über die etablierten Ferienorte hinaus zu verbreiten.
Die Chancen der Sekundärstadt
Diese Ambitionen werden durch eine bemerkenswerte Statistik unterstrichen: 93 Prozent der befragten chinesischen Touristen äußerten Interesse an einem Besuch von Sekundärstädten – Orten wie Chiang Rai, Trang und Phrae –, die weit abseits der üblichen Touristenpfade liegen.
Die Sehnsucht nach unkonventionellen Wegen scheint echt und weit verbreitet zu sein.
Die Einschränkung ist ebenso deutlich. Diese 93 Prozent stellen einen Wunsch dar, keine Verpflichtung.
Die gleichen Befragten nannten zwei Bedingungen, die erfüllt sein müssten, bevor aus einer Kaufabsicht eine Buchung wird: verbesserte Verkehrsanbindungen und ein größeres Vertrauen in die persönliche Sicherheit.
Beide Probleme sind lösbar, erfordern aber koordinierte Investitionen.
Derzeit mangelt es kleineren Städten an der Anbindung an Flughäfen, an zuverlässigen Fernbusverbindungen und an englischsprachiger Beschilderung, die preisbewusste Individualreisende benötigen.
In mehreren nördlichen Provinzen wirkt sich die saisonale PM 2,5-Belastung – mit Staubwerten von über 100 Mikrogramm pro Kubikmeter in Lampang und Teilen von Chiang Mai im März – zusätzlich abschreckend aus.
Für Unternehmen in diesen Städten ist die wirtschaftliche Logik überzeugend.
Chinesische Besucher, die bereits rund 45.000 Baht pro Reise ausgeben, sind nach thailändischen Provinzstandards außerordentlich wertvolle Gäste.
Eine einzelne chinesische Touristengruppe, die drei Nächte in Chiang Rai verbringt, generiert mehr direkte Wirtschaftsaktivität als mehrere inländische Wochenendtouristen. Der Markt ist vorhanden, die Infrastruktur jedoch noch nicht.
Was die Branche tun muss
Die Tourismusbranche reagiert. Boutique-Gästehäuser in Phrae investieren in kulturelle Programme. Die Betreiber der Nachtmärkte in Trang bieten Speisekarten in Mandarin an.
Eine Handvoll zukunftsorientierter Reiseveranstalter stellt Reisepakete zusammen, die mehrere Städte verbinden und die Wunschliste des neuen chinesischen Reisenden miteinander verknüpfen: ein Fotoshooting in traditioneller Kleidung in Chiang Rai, ein Seidenweberei-Workshop in Phrae, Streetfood in Trang, ein Elefantenschutzgebiet in den Bergen.
Die Herausforderung für die Politik besteht in der Geschwindigkeit. Die Abwanderung chinesischer Touristen aus Japan – eine direkte Folge der diplomatischen Spannungen zwischen Tokio und Peking – hat ein Zeitfenster geschaffen, das möglicherweise nicht ewig offen bleibt.
Die Beziehungen zwischen China und Japan könnten sich normalisieren. Andere Konkurrenten, insbesondere Vietnam und Malaysia, investieren massiv in die touristische Infrastruktur für Chinesen. Thailands Vorteil liegt heute im kulturellen Bereich; die Gefahr von morgen ist Selbstzufriedenheit.
Die junge Frau im geliehenen Seidenkleid, die in Bangkoks Altstadt in die Kamera lacht, ist nicht einfach nur eine Touristin. Sie ist, um es mit den Worten des modernen Marketings zu sagen, gleichzeitig Mikro-Influencerin, Markenbotschafterin, Datenpunkt und Vorbotin.
Thailand täte gut daran, genau zu verstehen, wonach sie sucht – und sicherzustellen, dass es nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in Chiang Rai, Trang und Phrae zu finden ist.
- Quelle: The Nation Thailand