Kulturschock

Hans Michel Hensel über den Kulturschock in Thailand

hjr Bangkok. Der Thailand-TIP-Online-Kolumnist und Autor des nach Meinung unseres Gründers und langjährigen Chefredakteurs Roy Dettmar „besten Bangkok-Führers aller Zeiten“, Hans Michael Hensel, schrieb aus aktuellem Anlaß wieder einmal über den Kulturschock in Thailand, den nicht nur viele Touristen erleben, während sie zum ersten Mal das Königreich besuchen, sondern eigentlich noch mehr und spürbarer diejenigen, die länger hier bleiben.

Hensel dazu: „Eines meiner ersten Bücher dazu hatte 1983 den treffenden Titel „Culture Shock Thailand. Ich habe gleich 1983 die erste Auflage erwischt: Robert and Nanthapa Cooper: Culture Shock Thailand. War begeistert!“ Diesen Kommentar setzte er auf die Seite eines Facebook-Freundes, und entschloß sich dann, gleich eine eigene Geschichte daraus zu machen

Hier: http://www.phakinee.com/kulturschock-thailand/

Er empfiehlt das Buch heute noch allen Thailand-Anfängern, allerdings erfuhr man später, daß Cooper offenbar einer der nicht wenigen Ausländer war, dessen Thailand-Kompetenz sich zum Zeitpunkt des Schreibens seines ersten Buches vor allem darauf stützte, daß er „als Student auf Feldstudie mit einer Holden des Landes zusammen getroffen war, die ihn später geheiratet hat“. Außerdem sei Cooper ziemlich geschickt darin gewesen, die schon seit mindestens einem Jahrhundert an allen möglichen Stellen immer wieder publizierten Allgemeinplätze über Thailand in neuer Form und vor allem witzig zusammenzustellen.

Mit Beispielen fährt er fort:

„Möglichst immer lächeln, nie laut sprechen, nie einen Kopf berühren, keine getrennten Rechnungen im Restaurant, nie über jemanden hinweg steigen, keine lauten Zurufe, nicht in der Öffentlichkeit rauchen, höchstens mit gesenktem Kopf durch das Gesichtsfeld höherstehender Leute laufen, nie mit dem Fuß auf andere zeigen, und vor allem – um Himmels willen, beachten Sie das unbedingt! – niemals, aber auch wirklich garnienicht, den König, oder auch nur sein Abbild … also den König … nein, den auf gar keinen Fall!!! Nichts. Nichts über ihn. Nothing, rien, nada, niente!“

Jeder belesene Thailand-Reisende kennt diese Litanei, aber selten, findet Hensel, las man sie so kurzweilig zusammengestellt, ja frech mit Anekdoten durchsetzt wie bei Cooper. Später ließen sich Robert und Nanthapa scheiden, was leider in thai-ausländischen Beziehungen häufiger als in anderen vorkommt, und prompt nannte Robert Cooper seine angebliche jahrelange Mitautorin bei späteren Auflagen nicht mehr im Buchtitel, obwohl die Inhalte so gut wie unverändert blieben. Das sage einiges über die angebliche Co-Autorschaft aus, schreibt Hensel, die für viele Leser, auch für ihn, bei der ersten Lektüre die Hoffnung nährte, daß hier einmal ein Vorzeigepaar die schriftliche Anleitung lieferte, wie man trotz der Denk- und Mentalitätsunterschiede zwischen Westlern und Thais eine erfolgreiche und harmonische Partnerschaft lebt.“

Tatsache sei nun mal, schreibt Hensel, daß man als „Langnase“ in Thailand immer wieder neue Kulturschocks erlebt, und das auch noch nach Jahrzehnten, ja sogar nachdem man eingebürgert ist, und dann immer noch auch nach der dritten oder vierten Generation, und er fährt fort:

„Meiner Meinung nach ist man hier nämlich erst dann angekommen, wenn man verstanden hat, daß man mit langer Nase und hellen Haaren nie vollständig ankommen wird.“

Dazu nennt er Beispiele wie dieses

„Ich habe schon nach  ein paar Wochen Bangkok und sechs Monaten Samui geglaubt (…), daß ich ja wohl jetzt in Thailand ziemlich durchblickte. Eine Zeitlang hatte ich sogar ernsthaft vor, eine Art „Investitionsratgeber“ für Samui zu schreiben. Diese Absicht, die ich tatsächlich begonnen hatte, war zum Glück noch nicht fertig, als mir 1984 angeboten wurde, in die Redaktion einer mittleren Süddeutschen Regionalzeitung einzutreten und ein paar Jahre später nach gab ich sie nach meinem ersten größeren Kulturschock auf, als mir klar wurde, daß von den genau elf Ausländern, die ich in Samui ab 1983 kennengelernt hatte, weil sie im beginnenden Touristenboom mitmischen wollten, drei erschossen worden waren, einem wurde die thailändische Frau ermordet, zwei saßen beim Wiedersehen im Rollstuhl, einer nach einem Rückenschuß, der andere nach einem merkwürdigen Unfall ohne Zeugen, drei hatten nach Todesdrohungen die Insel fluchtartig verlassen, einer davon halbtot geschlagen (er überlebte wie durch ein Wunder; eine Zusammenfassung davon hier), zwei weitere zogen zwar bankrott, aber unversehrt ab, und nur eine Bekannte (…) sah ich noch mehrmals gesund und unversehrt, bevor ich Ende der 1990er Jahre ihre Spur verlor.“

Dieser erste „Kulturschock Thailand“ hätte ihn weniger wegen des Schicksals seiner Bekannten erschüttert, schreibt Hensel, sondern vielmehr wegen seines eigenen, und er fragte sich: „Warum war ich zur gleichen Zeit mit dem gleichen Umgang am gleichen Ort unversehrt geblieben? Warum fühlte ich mich im Gegenteil eigentlich stets pudelwohl? Warum war ich offenbar überall, wo ich auftauchte, auch noch ein scheinbar stets gern gesehener Gast?“

Heute glaubt er, die Antwort zu wissen: „Ich war der einzige von uns 12 Europäern, die in dieser Zeit in Samui nie ein Geschäft eröffneten, auch an nichts teilhaben wollten. Ich habe hier immer, auch als ich als Korrespondent akkreditiert war, immer nur Geld ausgegeben, das keinem Thai fehlte, und konnte einige Male thailändische Bekannte sogar beraten, zum Beispiel bei der Planung ihres Einstiegs ins Touristengeschäft. (…) Mit anderen Worten: Ich war nützlich, nahm niemanden ein Geschäft weg und gab immer Geld aus. So einfach ist das. (…)“

Und weiter: „Kulturschock ist hier für unsereinen der Normalzustand. So oder so. Wer das verinnerlicht, und sich selbst eine gewisse Großzügigkeit in jeder Hinsicht zulegt, und sich die auch leisten kann, kann gut durchkommen. (…) Dazu sollte man sich als „Normalsterblicher“ auf jeden Fall, und unter allen Umständen abschminken, hier irgendwelche Geschäfte machen zu wollen, die einem Thai etwas wegnehmen könnten“

Geld ausgeben sei dagegen immer und überall gerne gesehen und sehr erwünscht: „Nie vergessen: Ein „Happy End“ sieht hierzulande nicht selten so aus: Ausländer weg, Vermögen da.“

Zum Schluß weist Hensel noch auf das im TIP Forum „fast schon legendäres“, leider verstorbene Mitglied namens dii hin: Zur Aufarbeitung seiner persönlichen Kulturschocks startete der bekanntlich das erfolgreichste Thema aller Zeiten im TIP-Forum, (daß es das ist, geht aus der offiziellen Forenstatistik nicht hervor, weil das Thema wegen seines Umfangs von den Moderatoren mehrfach bearbeitet und geteilt wurde) und nannte es treffend „Die sind so!“

„Das war ein weiser Titel“, schreibt Hensel, „der sehr gut zu seinem aus Sachsen stammenden Erfinder paßte.“ Denn dii sei aus Thai-Sicht nicht nur ein nützlicher, sondern auch ein wirklich toleranter Ausländer gewesen: „Die sind (eben) so!“ – Das war sein Motto. Mit anderen Worten: „Schmunzle meinetwegen, wenn es niemanden verletzt, aber vor allem: Nimm Thailand wie es ist, oder laß es!“

Apropos Kulturschock:

Dazu empfiehlt die Redaktion, was derselbe Autor in unserem Forum einmal über die unterschiedlichen Arten des Farang-Daseins in Thailand schrieb:

Alles über den „Farang“ oder auch: Wie die alten Franken nach Siam kamen

 Originalartikel hier: http://www.phakinee.com/kulturschock-thailand – Auszüge verwendet mit freundlicher Genehmigung.