Aus meinem Papierkorb — Neue Fundstücke

8. Folge (September 2007—Januar 2008)

Die Folgen 1 bis 7 stehen hier: http://www.thailandtip.net/aus-meinem-papierkorb/

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Was es alles gibt: „Islamischer Humor“

Ich bin davon überzeugt, daß in der Hölle neben einigen anderen fiesen Überraschungen 1. die englische Küche, 2. thailändische Politik, 3. die neue deutsche Rechtschreibung und 4. islamischer Humor auf uns warten werden. Das Erste hat kürzlich mein Londoner Freund und Verleger Nick Jacobs höchstpersönlich geschieben, das Zweite und Dritte liegt für jeden, der noch Zeitung liest, auf der Hand, und zum Vierten frage ich nur: Wieviele intelligente und witzige Muhammads, Usamas, Abdullahs oder Hassans (mit Original-Reisepaß aus dem Land ihrer Väter, versteht sich…) haben Sie schon getroffen?

Ich kenne einige, unter anderem in Deutschland lebende Bekannte mit Familien (eine aus dem Yemen, eine aus Saudi Arabien, einer aus dem Irak) aber weltoffene Menschen jeden Glaubens, die sich in jede Kultur einbringen können, sind ohnehin nicht betroffen, wenn es im folgenden um einen speziellen "islamischen" Humor geht.

Soeben hörte man nämlich von einer Berliner Konferenz, die die entsprechenden Vorurteile bestätigte. Wissenschaflter beschäftigten sich auf dieser Akademikeransammlung mit — ja, wirklich! — ‹Islamischen Humor›. Wahrscheinlich mit Hilfe erklecklicher Steuergelder, denn mir ist nur schwer vorstellbar, wer sich mit so etwas freiwillig und ohne Schmerzensgeld abgibt.

Einer dieser Leute mit Schmerzensgeld in Form seines Honorars war ein Kollege von Deutschlandradio Kultur, der uns darüber im mitternächtlichen Minderheitenprogramm namens Fazit informieren durfte.

Stellen Sie sich vor: Wie der Kollege verkündete, hat diese kluge Versammlung doch tatsächlich herausgefunden, daß es, so wörtlich, ‹sehr, sehr wenig gedruckten Humor› in Ländern gebe, in denen Menschen an Mohammeds Vorstellung von Gott und der Welt glauben.

Ja, so eine Überraschung!

Ich habe dafür folgende Erklärung: Witzbolde lebten in diesen Ländern nie lange genug, um 1. ihre Narreteien überhaupt jemals aufzuschreiben und sich außerdem vor dem Halsabschnitt auch noch schnell um ihre Fortpflanzung zu kümmern. Warum also die Humor-Gene in Arabien ausgestorben sind, ist bei Darwin nachzulesen.

Während des gesamten Berichts wartete ich mit gezücktem Bleistift wie ein Schießhund darauf, mal einen garantiert echten Mohammedanerwitz abzustauben. Zu meiner Enttäuschung kam jedoch nur ein einziger ’rüber, und das war auch noch ein angeblich ‹typisch arabischer Beduinenwitz›, also eigentlich eine Themaverfehlung des Kulturkorrespondenten. Wenn ich meine mitstenographierte Kritzelei richtig entziffere, ging der jedenfalls so:

Die Beduinen haben jetzt das Problem mit dem Hunger an Ramadan logisch gelöst: Statt daß ein Beduine dreißig Tage lang tagsüber fastet, fasten künftig dreißig Beduinen je einen Tag lang.

Ha, ha. … Naja, Schwamm drüber. Neudeutsche Comedy ist auch nicht witziger. Immerhin lernen wir daraus 1., daß einige Araber mindestens so flexibel mit der Logik umgehen können wie manche Thais, und daß 2. die armen Beduinen offenbar als die arabischen Ostfriesen herhalten müssen.

Könnte es übrigens sein, daß Araber ihren vielleicht irgendwo im Geheimen doch blühenden Humor nur aus grundsätzlichen Erwägungen unterdrücken? Etwa, weil ausgerechnet in ihrer Mitte ein Land existiert, in dem der Witz bekanntlich geradezu ein zentrales Merkmal der Kultur ist? Wegen Israel sinnieren ja bekanntlich seit über 60 Jahren einige der klügsten arabischen Köpfe fast Tag und Nacht darüber, wie man den jüdischen Witz in einem Aufwasch mit dem gesamten Staat Israel ein für allemal von der Landkarte tilgen könnte.

Daran sind allerdings auch schon andere, darunter deutsche, Köpfe gescheitert.

Noch interessanter als die Frage, warum es in mohammedanischen Ländern eigentlich keinen nennenswerten Humor (mehr) gibt, und warum die Leute dort überhaupt nicht viel zu Lachen haben, finde ich übrigens die, warum eigentlich zum Beispiel bei Raumschiff Enterprise oder im Krieg der Sterne und ähnlichen Hollywoodschinken grundsätzlich nie Mohammedaner drin vorkommen.

Ja, warum eigentlich nicht? – Na, hören Sie, die Frage ist aber nun wirklich einfach zu beantworten. Eine kleine Hilfe gebe ich aber: Diese Filme spielen alle in der Zukunft.            

E-Müller und Händi-Brüller

‹Elektronische Post ist ein gewaltiger Zeitfresser.› Das ergab eine Studie des Henley Management College über Führungskräfte in Skandinavien, Großbritannien und Deutschland. Das Ergebnis laut Frankfurter Allgemeine Zeitung: Zwei Stunden plagen sich hochbezahlte Chefs täglich mit E-Müll herum, während man früher die Post nach der kundigen Vorsortierung durch die Sekretärin bei einem Kaffee nebenbei gelesen und dann in einer halben Stunde alle Antworten erledigt hatte.

Ein Großteil der eingehenden Nachrichten sei vollkommen irrelevant, klagten die Manager. Fachleute nennen das Hydra-Effekt: ‹E-Post erzeugt neue E-Post und verzögert Prozesse.› In manchen Fällen gehen dieselben Texte drei-, vier- oder auch sechsmal hin und her. Anstatt Gedanken in Sätze zu kleiden, die auch für sich alleine einen Sinn ergeben (oder noch besser: die Antwort überhaupt erst mal zu überdenken), werden schon beim Lesen eilig ein paar Antwortbrocken zwischen die Zeilen gehackt. Dieser unausgegorene Brei wird dann insgesamt zurückgemüllt, was sich kurz darauf nicht selten in Gegenrichtung wiederholt: Krieg der Arbeitsspeicher im Server-Weltall. Wahrscheinlich sind Festplatten im eigenen Rechner bald so überflüssig wie große Bereiche im Hirn einiger E-Müller.

Effektiver Einsatz der elektronischen Post als interner Kommunikationsweg und Ersatz für direkte Gespräche sei, so das Ergebnis der Studie, überwiegend reines Wunschdenken. 43 Prozent der Führungskräfte stimmten darin überein, daß nur in jeder zehnten E-Post eine klare Botschaft formuliert werde. ‹Die E-Mail Nutzung ist außer Kontrolle geraten›, faßte Direktor Peter Thomson vom Henley Management College das Ergebnis der Studie zusammen. Meine Übersetzung: Oft wird gar nicht mehr kommuniziertt. Man vermüllt sich Festplatten und Lebenszeit.

Mehr oder weniger erfolgreich versuche ich seit Jahren, dieser Gefahr für mich einen organisatorischen Riegel vorzuschieben: Wer schon bei der Anschrift versagte und zum Beispiel bloß unter irgendeinem Indianernamen mit mir verkehren will, war zum Beispiel noch nie ein Verlust, wenn er gleich an der ersten Hürde scheiterte und im Papierkorb landete.

Zur Ferienzeit arbeite ich ein- bis zweimal im Jahr vertretungsweise ‹fest› für eine meiner früheren Redaktionen. Dann komme ich nicht um gewisse, als E-Müll einlaufende Beiträge herum. Das stört mich auch nicht; im Gegenteil; ich redigiere ausgesprochen gern und meist zur Zufriedenheit der Redigierten. Was mich aber wohl stört, sind eine gewisse Sorte Vorsatz-Legastheniker, die sich auch noch darin gefallen, ihre schriftlichen Absonderungen in Leserbriefen, Mitteilungen und Anfragen ohne Rücksicht auf Groß- oder Kleinschreibung und ohne Interpunktion einzusenden.

Durchgehende Kleinschreibung und fast völlig fehlende Zeichensetzung, wie man sie in Leserbriefen auch im TIP gelegentlich sieht (natürlich unredigiert, denn es wird ja kein Schmerzensgeld mitgemüllt), sind im Deutschen, einer hochentwickelten Kultursprache mit langen Wörtern und noch längeren Schachtelsätzen, Folter des Lesers; reiner Terror. Durch grundsätzliche Kleinschreibung weisen sich Rüpel aus. Wer so schreibt, der hat auch sonst keine Manieren. Jeder Redakteur, der seine Berufsbezeichnung nicht im Lotto gewonnen hat, hat solche schriftlichen Zumutungen sofort nach dem Anlesen dorthin zu klicken, wo sie hingehören: In den Abfall. Jeder echte Legastheniker, der sich nur etwas Mühe gibt (das tun die meisten, selten fallen sie als Erwachsene überhaupt jemals auf), ist ein Lichtblick dagegen.

In der TIP-Chefredaktion sagte man mir zu diesem Thema, daß auch der Schriftmüll seinen Zweck habe, denn im Wettstreit mit der Finsternis würden ja die echten Sterne nur um so heller strahlen. Das war, obwohl mit einem Augenzwinkern gesagt, für mich ein ganz neuer Aspekt. Dennoch: deutsche Texte in durchgehender Kleinschreibung sind Ausdruck der Geringschätzung des Lesers durch den Schreiber.

Den Terror dieser Zeitgenossen tue ich mir nie länger als zwei, drei Zeilen an. Seit Jahren warte ich darauf, daß sich wegen meiner bestens funktionierenden Müllabfuhr per Mausklick mal einer beschwert — aber die Schreibterroristen scheinen sich gar  nicht darum zu scheren, ob man ihre Absonderungen überhaupt liest. Ich jedenfalls lese sie nicht und fühle mich überhaupt dafür zuständig, dafür zu sorgen, daß zumindest die Leser meiner Druckseiten so eine Entscheidung gar nicht erst treffen müssen.

Es mag ein Recht existieren, auch Inhalte von Dummköpfen auszuleeren; aber deshalb gibt es noch lange keine Pflicht, seine Leser zum Müllschlucker der schlechten Manieren jener leider auch schreibenden Leute zu machen. Wer, obwohl er es könnte, auf seine Rechtschreibung nicht achtet, steht für mich auf dem gleichem Niveau wie einer, der sich die braunen Raucherzähne nie putzt, mit Klobürstenfrisur ’rumrennt, trotz Knoblauchessen die Wäsche nicht wechselt und seinen durch konsequentes Ignorieren kultureller Errungenschaften wie Bimsstein, Bürste und Vaseline angezüchteten Käsekranz um Ferse und Zehen nie schrubbt.

Weil ich gerade so schön beim Schimpfen auf die Alltagsterroristen bin, gleich auf an die nächste Front!

‹Kein Mobiltelephon zu haben, spart es einem, an der Fleischtheke Sätze sagen zu müssen wie «Ich liebe Dich auch, Mutti!» und mit dem untergeklemmten Ding so auszusehen wie Stephen Hawking am ersten Arbeitstag im Callcenter.› Schön geschrieben von York Pijahn in Myself. Sie befindet Sie sich in bester Gesellschaft: ‹Wer ständig erreichbar sein muß, gehört zum Personal›, verkündete ja auch schon einmal einer meiner Lieblingskollegen, Johannes Gross, in der F.A.Z.

Daß ich kein Funktelephon benötige, erkannte ich, als Harry eines anschaffte. Harry, müssen Sie wissen, kam im gleichen Jahr wie ich in die Volksschule und verließ sie im 14. Lebensjahr nach der zweiten Klasse, in der er ungefähr vier- oder fünfmal hängengeblieben war. So etwas kam in den 1960ern bei vorsätzlicher Dummheit in fränkischen Häckerdörfern mit einem Oberlehrern von altem Schrot und Korn an der Dorfschule schon mal vor.

Aber egal. Entweder wegen der Stütze oder vielleicht auch auf Wunsch seiner Freundin muß Harry inzwischen ständig erreichbar sein. Es wird ja heutzutage alles immer komplizierter.

Einmal erlebte ich ihn, wie er auf unserem Kirchplatz vor großem Publikum ins Mobiltelephon brüllte, als gäbe er Anweisungen für ein Limit über elf Millionen in Aktien-Verkäufen. Dabei verabredete er sich bloß mit seinem Kumpel Gerhard für den Abend an der Bier-Zapfsäule.

Seitdem ist das Thema Mobiltelephon für mich erledigt. Dinge, die Harry und Gerhard brauchen, waren noch nie was für mich.

Für alle Händibrüller in Zügen und Restaurants, in den Warteschlangen bei Aldi und Foodland sowie für die gemeingefährlichen Hohlköpfe, die man ständig beim Radeln und am Steuer lebhaft beim Fernquatschen sieht, schlage ich den sofortigen Entzug des Führerscheins vor, den man erst nach einem erfolgreich abgeschlossenen, ganz speziellen Idiotentest wieder erhält.

Die Nichtanschaffung eines Mobiltelephons ist gleichbedeutend mit der Bewahrung der Restwürde.

Die Terroristengilde der Liegen-Reservierer

Ebenfalls in Myself beschrieb Julia Klöpper zutreffend die bisher weitgehend unerforscht gebliebene Spezies der Liegen-Reservierer. Das sind jene gefürchteten Ehepaare, die vor dem Hotelfrühstück mit Tüchern, fast leerer Wasserflasche und einem zerfledderten Taschenbuch am Schwimmpfuhl die wenigen im Schatten stehenden Liegen ‹belegen› — und danach prompt bis zum Nachmittag verschwinden.

‹Sind diese Leute schlechtere Menschen oder einfach clever?› fragt die Kollegin rhetorisch. Hier die Antwort: Liegen-Dauerbesetzer schätzen im Urlaub den stets gleichen Blickwinkel. So müssen sie ihren Horizont nicht erweitern. Überzeugungstäter lassen ihren speckigen Belegungs-Müll selbst dann liegen, wenn sie zur Drei-Tages-Exkursion aufbrechen. Sie haben also panische Angst vor ihresgleichen.

Kennen Sie Hotels, die es schafften, der Liegenbesetzerbrut das Handwerk zu legen? Ich bitte um Mitteilung. Bis zu meiner Rente werde ich bei jeder Gelegenheit für diese Leute Werbung machen!