BANGKOK. Das thailändische Bildungssystem scheitert daran, eine wirklich kostenlose und gerechte Schulbildung zu gewährleisten. Experten warnen davor, dass die aktuelle Politik die Ungleichheit verschärft und die Chancen für benachteiligte Kinder einschränkt.
Bei einem Runden Tisch des Nation Visionary Club am Montag, dem 8. Juni 2026, erklärten Bildungsexperten und Studierendenvertreter, dass arme Familien trotz fast 20 Jahren kostenloser Schulbildung weiterhin mit erheblichen Bildungskosten konfrontiert seien. Sie argumentierten, dass Kinder aus einkommensschwachen Haushalten nicht nur mehr bezahlen müssten, als sie sich leisten könnten, sondern auch eine geringere Bildungsqualität erhielten als Schüler aus wohlhabenderen Familien.
Dr. Kraiyos Patrawart, Geschäftsführer des Equitable Education Fund (EEF), erklärte, dass die über fast zwei Jahrzehnte gesammelten Daten belegen, dass Thailands Bildungssystem nicht wirklich kostenlos sei. Er merkte an, dass die Covid-19-Pandemie die Zahl wirtschaftlich benachteiligter Schüler erhöht habe, wobei die Zahlen zunächst kurzzeitig sanken, bevor sie nach der Pandemie wieder anstiegen.
Laut Dr. Kraiyos geben Haushalte im ärmsten Zehntel der Bevölkerung jährlich immer noch etwa 10.000 Baht für die Ausbildung ihrer Kinder aus. Familien im reichsten Zehntel geben hingegen etwa siebeneinhalb Mal so viel aus. Er bezeichnete dies als eine „zweidimensionale Ungleichheit“, bei der ärmere Familien finanzielle Belastungen tragen und gleichzeitig eine schlechtere Bildungsqualität erhalten.
Die Diskrepanz spiegelt sich auch in den Lernergebnissen wider. Während Thailand regelmäßig Weltklasse-Schüler hervorbringt, die Gold- und Silbermedaillen bei internationalen akademischen Olympiaden gewinnen, sagte Dr. Kraiyos, dass etwa zwei Drittel der Bevölkerung weiterhin unter dem OECD-Basisstandard für Lernkompetenz liegen.
Parit Wacharasindhu von der Volkspartei erklärte, Thailand werde scheitern, wenn qualitativ hochwertige Bildung nur über internationale Schulen zugänglich sei. Er argumentierte, dass das öffentliche Bildungswesen trotz erheblicher staatlicher Ausgaben weder qualitativ ausreichend noch wirklich kostenlos sei.

Ein zentrales Anliegen der Diskussion war das Pro-Kopf-Finanzierungsmodell des Bildungsministeriums. Nach diesem System erhalten Schulen Mittel basierend auf der Schülerzahl, wodurch viele ländliche Schulen nicht über ausreichende Budgets verfügen, um die grundlegenden Betriebskosten zu decken. In einigen Fällen haben Grundschulen mit sechs Jahrgangsstufen weniger als sechs Lehrkräfte, sodass eine Lehrkraft mehrere Jahrgänge gleichzeitig unterrichten muss.
Der Studentenvertreter Krai Satarak von der Chulalongkorn-Universität erklärte, das Problem werde durch einen nationalen Lehrplan verschärft, der die lokalen Bedürfnisse oft ignoriere. Anhand von Feldstudien in der Provinz Nan beschrieb er, wie Schüler die Schule verließen, um auf den Gewächshausbetrieben ihrer Familien mitzuhelfen, obwohl sie über wertvolle landwirtschaftliche Kenntnisse verfügten. Er argumentierte, der Lehrplan priorisiere abstrakte Fächer gegenüber praktischen Fertigkeiten, die für die lokale Wirtschaft relevant seien.
Die Zeitung „The Nation“ berichtete, dass Dr. Kraiyos die thailändische Gesellschaft dazu aufgerufen habe, den Zweck von Bildung in einer Zukunft, die von künstlicher Intelligenz, allgemeiner künstlicher Intelligenz, Gehirn-Computer-Schnittstellen und Quantencomputern geprägt sein wird, neu zu überdenken. Er forderte eine Debatte über zukünftige Lehrpläne, die Rolle des nationalen Bildungsgesetzes und die Frage, ob auswendiglernendes Lernen weiterhin den Unterricht dominieren sollte.
Die Gesprächsrunde kam zu dem Schluss, dass innerhalb des nächsten Jahrzehnts Strukturreformen notwendig sind. Die Teilnehmer forderten eine bedarfsorientierte Finanzierung, mehr Autonomie für die Schulen und eine Reform des nationalen Bildungsgesetzes und warnten davor, dass sich die Kluft zwischen gut und schlecht ausgestatteten Schulen mit dem technologischen Fortschritt weiter vergrößern wird.
- Quelle: ASEAN Now, The Nation Thailand